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Jemen

Syrien: Vom Krieg überschattet

Interview mit Projektleiter Sacha Ernst zum erneuten Kriegsausbruch in Nordsyrien. 

Moussaka. Sirtaki. Rauschende Wellen an den Gestaden Griechenlands. Endlich zwei Wochen Ferien mit der Familie. Doch diese werden vom Einfall türkischer Truppen in Syrien überschattet. 

9. Oktober: Noch bevor die US-Truppen vollständig abgezogen sind, rückt türkisches Militär in Nordsyrien ein. Sacha, du bist AVC-Projektverantwortlicher für diese Region; wie hast du das erlebt?

Sacha: Ich bin im Ferienmodus in Griechenland. Plötzlich läuft mein Handy heiß. Die Nachrichten unseres Projektleiters vor Ort über den Einmarsch der türkischen Armee in Kooperation mit ihren dschihadistischen Verbündeten schreckt mich auf. Dass jetzt eine neue Welle von Gewalt und Bedrohungen auf die kurdische Bevölkerung und auf unsere Kirche, Mitarbeitenden und Projekte zurollt, macht mich betroffen.

10. Oktober: X-Tausende Kurden sind (wieder) auf der Flucht vor dem Übergriff namens »Quelle des Friedens«. Was geht dir durch den Kopf?
Sacha: Gedanken an die schon arg vom Krieg gegen den IS gebeutelten Kurden. In Kobane, unserem »Stützpunkt« in Syrien, sind bereits 90% der Frauen und Kinder geflohen. Aus türkischer Sicht macht der längst geplante Angriff zum jetzigen Zeitpunkt Sinn: Die lästigen US-Truppen sind weg. Der Winter steht bevor. Der Zeitpunkt ist ideal, das Machtvakuum im Gebiet Rojava auszunützen, die Neuauflage einer humanitären Katastrophe auszulösen. Meine Ohnmacht, nicht wirklich helfen zu können und in den kommenden Stunden möglicherweise liebgewordene Mitarbeiter zu verlieren, lässt in mir mehr als nur heiligen Zorn aufwallen.

11. Oktober: Unser Mitarbeiter F. und sein Team steigen vor dem griechischen Parlamentsgebäude vor TV-Präsenz auf die Barrikaden. Hat das was gebracht?
Sacha: Er wurde wenigstens mit seinem Anliegen gehört. Ich bin gleichzeitig emotional wie gelähmt, weil ich zusätzlich zu allem von einem langjährigen Missionsfreund eine unfassbar traurige Nachricht bekommen habe.

12. Oktober: Erste Kämpfer des sogenannten IS brechen aus einem Gefängnis in Qamischli aus. Noch anwesende US-Soldaten geraten in der Nähe der Grenzstadt Kobane unter Beschuss. Wie geht es unseren Mitarbeitern und unserer Arbeit?
Sacha: Wenn ich das nur gewusst hätte! Die Ungewissheit ist schwer zu ertragen. Ich verbringe hier nach wie vor eine Art von Ferien – und nur wenige Flugstunden entfernt werden nicht nur Stellungen von Kurden mit Bomben eingedeckt, sondern gezielt auch zivile Ziele und Kirchen. Das Internet stockt. Wo ist unsere mobile Klinik mit ihren Ärzten und Helfern? Dann ploppt eine Message auf: »Wir konnten die Klinik in Sicherheit bringen, bitte betet weiter...« Eine Bombe verfehlt unsere Bäckerei nur knapp. Unsere 32 Bäckerinnen sind um ihr Leben geflohen. Ungezählte Männer und Väter stehen trotz akuter Gefährdung Schlange vor der Bäckerei. Sie haben keine große Wahl: Entweder sie riskieren, von einer Granate zerfetzt zu werden oder ihre Familie hungert.

13. Oktober: Nach einem türkischen Beschuss befreien sich IS-Kämpfer aus einem Lager mit 12 000 Gefangenen. Die syrische Armee entsendet Truppen in das Gebiet. Du hast uns einen dramatischen Clip aus Syrien weitergeleitet über den scheinbaren Tod eines kleinen Mädchens. Sind das Fake-News?
Sacha: Nein. Aber ein Beispiel dafür, wie schwierig Berichterstattung aus Krisengebieten sein kann. Eine Bombe bringt ein Haus zum Einsturz. Das kleine Mädchen wird anscheinend erstickt und tot geborgen. Unter Schock hält die Mutter ihr Kind hoch, klagt an, weint. Jemand zückt sein Handy, leitet den Film weiter. Dann wird das Internet gekappt … Erst später erfahren wir auf Nachfrage, das Kind habe reanimiert werden können. Immerhin hat der Film eine Welle von Gebeten ausgelöst. Und die Stadtbehörden von Kobane fragen sich seit Tagen, warum ihre Stadt an der türkischen Grenze noch nicht überrannt worden ist. 

Sacha, Einzelne nehmen Anstoß, dass wir überhaupt so dramatische Bilder publizieren…
Sacha: Die sind noch harmlos! Ich sitze allein am Strand und erwäge die Reaktionen auf die Clips, die mir ungefiltert zugespielt werden: Bilder von Enthaupteten, Exekutionen, Vergewaltigungen etc. Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Ich versuche, locker zu bleiben; meine Familie soll ihre Ferien genießen. Doch dann schnauze ich meine zwei Teenager wegen einer Bagatelle an. Ich bin wohl selbst etwas traumatisiert...

15. Oktober: Präsident Trump fordert eine Waffenruhe, die von der Türkei mit der Bedingung verknüpft wird, dass sich die kurdischen Kämpfer zurückziehen. Kobane soll nicht angegriffen werden. Löst das in dir Hoffnung aus?
Sacha: Für die Kurden, wie für mich, sind Versprechungen von Politikern nicht mehr als Worthülsen. Die Kurden waren gut genug, als Bodentruppen den verlustreichen Krieg gegen den IS zu führen. Jetzt werden sie von den Großmächten fallengelassen. Einerseits führt das bei ihnen dazu, Halt und Hoffnung im christlichen Glauben zu suchen. Andererseits warten sie vergeblich auf den Aufschrei des »christlichen« Abendlandes, weil jetzt wieder Tausende Islamisten unterwegs sind, um Christen, Jesiden und Kurden zu jagen.

16. Oktober: Unterdessen patrouillieren in Kobane neben Assads syrischen auch russische Truppen in der Region. Was bedeutet das für unsere Gemeinde und unsere Mitarbeitenden? 
Sacha: Dass die Russen unseren Christen und Projekten einen Schutzbrief ausstellen, kommt überraschend. Doch das Wissen, dass die Freikirchen Russlands Putin ein Dorn im Auge sind, dämpft meine Euphorie. 

Médecins sans Frontières beendet die meisten Aktivitäten und zieht alle internationalen Mitarbeiter aus Syrien zurück. Für wie gefährlich schätzt du die Situation ein?
Sacha: Kein Tag vergeht ohne Berichte von Morden, Vergewaltigungen, Exekutionen. Und jetzt noch dieser Luftangriff auf »unser« Flüchtlingscamp Ain-Issa. Die Bewohner, erst vor Kurzem aus der IS Hochburg Raqqa angekommen, sind täglich von unserem AVC-Team versorgt worden. Jetzt sind sie wieder auf der Flucht. K., unser Mitarbeiter, riskierte sein Leben, um unsere mobile Klinik – eine Stunde vor der Bombardierung – aus dem Camp zu evakuieren. 

Wie steht es um die Stadt Kobane, direkt an der türkischen Grenze? Wie können wir dort noch helfen?
Sacha: Dass Kobane noch einigermaßen sicher ist, lockt Flüchtlinge an. In der Stadt, die vor 100 Jahren von Christen gesäubert worden war, kümmern sich heute 200 junge Konvertiten um die ankommenden Muslime. Wir helfen durch unsere Bäckerei. Diesel und Mehl werden zwar knapp, und doch haben wir unsere Brotproduktion um das Doppelte auf rund 60 000 Brote steigern können. Einer der Muslime drückt aus, was viele empfinden: »Wir trauen keiner Religion mehr, außer der Glaube an das Gute wird 1:1 gelebt, wie bei euch. Ihr liebt Christus, ihr lebt wie Christus – euch vertrauen wir!«
Und wir geben medizinische Hilfe: Die Waffenruhe wird genutzt, um mit Partnern Medikamente im Wert von 200 000 CHF über die Grenze zu kriegen – unter hohem Risiko.

Sacha, du bist jetzt zurück – welche Erinnerung an deine spannungsgeladenen Ferien ist dir geblieben?
Sacha: Ein starker Eindruck von innerer Zerrissenheit. Auf der einen Seite die Schreckensmeldungen und auf der anderen Seite das Wissen, nicht aktiv etwas tun zu können. Was bleibt ist, im Beten zur Ruhe und Zuversicht zu finden. Beten als himmlisches Ventil, die Realitäten einer kaputten Welt auszuhalten.

Danke Sacha, ich wünsche dir im Aushalten viel Ruhe und Zuversicht und Kraft für dein aufreibendes Engagement.